Tansania- Ein Unterschied nicht nur zwischen schwarz und weiss

Tansania- Ein Unterschied nicht nur zwischen schwarz und weiss

Auf Reisen bewegt man sich außerhalb seiner Komfortzone und nimmt meist ganz bewusst, die Dinge um sich herum wahr. Die Menschen, die anderen Regeln, Gewohnheiten, Traditionen, das andere Essen. Was ich in meiner Zeit in Tansania erleben durfte, was mich bewegt hat und was ich gefühlt habe, erfährst du hier.

Vier Wochen durfte ich zu Gast in Tansania sein. Ich war nicht nur Gast in dem Land, sondern auch Gast und helfende Hand in einem Kinderheim sowie Gast und Beobachterin der Alltagswelt einer guten Freundin, die dort lebt. Was ich erlebt, was ich wahrgenommen und was ich gefühlt habe, möchte ich gerne in kürze teilen!

Identität und Bedürfnisse:

Während meiner Reise durch Tansania Anfang des Jahres bin ich mir meiner Identität als Europäerin extrem bewusst geworden und habe viel über meine Bedürfnisse nachgedacht und dabei zum Teil Scham verspürt. Ich musste feststellen, wie wohlhabend und privilegiert wir Menschen im Westen doch sind. Wir können nicht tief fallen und doch haben wir Angst vor dem Fallen. Meine Identität ist kulturell geprägt, so auch meine Bedürfnisse. Das ist mir mehr und mehr bewusst geworden. Meine Bewertungen und meine Vergleichsgrundlagen, die durch meine kulturelle und familiäre Sozialisation bestimmt sind, führten dazu, dass ich eben dieses Schamgefühl verspürt habe.

Beispielsweise wurde mein Bedürfnis nach Vielseitigkeit in der Ernährung dort manches Mal nicht erfüllt. Ich habe das Essen als sehr einseitig empfunden, denn viele können sich außer Bohnen und Reis nichts leisten. Als ich schließlich darüber mit der Freundin, die ich dort besuchte, gesprochen habe, musste ich feststellen, dass es eben meine Bewertungen und meine Vergleichsgrundlagen gewesen sind, die zu dem Gefühl geführt haben. Dabei durfte ich lernen, dass die Menschen, die Sachen die ich als schwer oder als nicht genug bewertet habe, gar nicht unbedingt als das angesehen haben. Viele sind dankbar und froh überhaupt etwas essen zu können. Bedürfnisse sind wie gesagt sehr individuell und auch kulturell geprägt, sodass mir bewusst geworden ist, dass man diese nicht miteinander vergleichen kann.

Das Gefühl Fremd zu sein:

Zwar durfte ich schon viel von der Welt sehen, und habe somit das Gefühl bereits verspürt, wie es ist, Fremd zu sein. In Tansania ist mir dieses Gefühl in seiner Tiefe jedoch noch viel stärker begegnet. Man ist sich nicht nur Fremd aufgrund der Sprache und der anderen Kultur, sondern vor allem wegen der Hautfarbe. Da ich dort eine Freundin besucht und in einem Kinderheim mitgewirkt habe, ist mir bewusst geworden, dass mir meine Hautfarbe unter den Einheimischen vor allem das Gefühl der Fremdheit gegeben hat. Obwohl ich viel mit Menschen aus anderen Kulturen zu tun habe und mich auch an vielen Freunden auf der ganzen Welt erfreuen darf und auch in Deutschland internationale Kreise sehr zu schätzen weiß, habe ich in Tansania das Fremdsein in ganz anderen Nuancen wahrgenommen.

Als „Musungu“, in Kisuaheli bedeutet das Wort „Weißer“, fällt man besonders auf. Ein einfacher Spaziergang durch Straßen, wo sich sonst keine Touristen aufhalten, kann zu einem Erlebnis der besonderen Art werden. Leute grüßen dich mit „hey Weißer“, manche kommen auf dich zu und wollen dir die Hand geben oder dir etwas verkaufen. Ich war mir oft unsicher, wie diese Art Gesten gemeint waren. Vermutlich kann man das auch nicht pauschalisieren, da es einige Menschen mit Guten Absichten gibt und wiederum andere (wie in jedem anderen Land und jeder anderen Kultur), die in mir die reiche Weiße gesehen haben, die ja etwas von ihrem Wohlstand abgeben könnte. Einige würden aufgrund ihres Leids vielleicht auch versuchen gewaltvoll an das zu kommen, was sie nicht haben, aber haben wollen und vielleicht auch dringlich brauchen. Von solchen Geschichten habe ich gehört, aber sie sind mir auf meiner Reise dort zum Glück nicht passiert.

Kollektivismus versus Individualismus:

Was mir ebenfalls aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass die Tanseaner das Kollektiv leben. Die Gemeinschaft ist Ihnen wichtig und man hilft sich untereinander, Familie wird ebenfalls anders gelebt als in Deutschland. Das gemeinsame Essen und wohnen sind selbstverständlich, was natürlich auch mit der ökonomischen Situation des Landes zu tun hat. Man ist vielmehr voneinander abhängig und hilft sich gegenseitig und teilt.
Der körperliche Kontakt zu anderen Menschen im Alltag ist meist sehr eng, da man sich beispielsweise in Kleinbussen, wo nur 9 Leute reinpassen zu 20 reinquetscht. Körperkontakt lässt sich dabei nicht vermeiden. In den Kleinbussen fällt man als Weiße ganz besonders auf, denn mit solchen Bussen fahren Weiße nur selten. Touristen nutzen diese unsichere Art des Transportmittels kaum, weil ihnen bereits per Reiseveranstalter mitgeteilt wird, dass der Straßenverkehr in Tansania höchst gefährlich sei und zu den häufigsten Todesursachen im Land zählt.

Im Vergleich zu den Tanseanern leben wir im Westen das Individuum. Wir sind dabei sehr auf uns bedacht und laufen mit einem größeren „Sicherheitsradius“ durchs Leben. Das ist mir vor allem aufgefallen als ich in Deutschland wieder Bus und Bahn gefahren bin oder im Supermarkt einkaufen war. Ich habe viel über Nähe und Distanz nachgedacht und was das mit uns macht! Während meiner Zeit in Tansania habe ich mich gefragt, was Gesellschaften und Kulturen ausmachen und mich auch gefragt, ob das Konzept des Kollektivs oder des Individuums für mich stimmiger wäre. Ich denke, dass ein Mittelmaß und die Balance, wie sooft die Antwort für mich sind.


Freude und Leid:

Die Gefühle von Freude und Leid habe ich in ihrem fließenden Übergangen dort noch als viel wuchtiger wahrgenommen als ich es hier in der Heimat tue. Ich habe viele erschütternde Geschichten erzählt bekommen, von Frauen, die von ihren Männern verlassen wurden, kein Geld haben um die Kinder zu ernähren, viel arbeiten gehen um sich ein Kindermädchen leisten zu können und von diesem dann ausgeraubt werden bis hin zu Krankheitsfällen, die mangels von Geld und Versicherungsmöglichkeit nicht behandelt werden können und schließlich zum Tod geführt haben. Obwohl diese Geschichten eine gewisse Schwere mit sich brachten, habe ich auf der anderen Seiten selten soviel Herzlichkeit und freundliche Gesichter erleben dürfen. Als Gast wurde ich stets freundlich und warmherzig von den Freunden, der Freundin die ich dort besucht habe, begrüßt. Dabei ist mir noch einmal bewusst geworden wie nah Freude und Leid beieinander liegen!

Leben versus Safari:

Auf einer 3 Tägigen Safari habe ich dann auch noch das touristische Tansania kennenlernen dürfen, was für mich mit dem eigentlichen Leben dort nicht viel zu tun hat. Man ist dort „unter sich“, damit sind die meisten Europäer gemeint, die man auf solchen Touren trifft und auch einige der wohlhabenden Überseetouristen. Das Essen, welches man dort bekommt, ist international, vielseitig und reichlich, nicht aber traditionell.
Den Touristen wird dabei eine touristenfreundliche Welt konstruiert. Man bekommt von der Armut des Landes nicht viel mit. Alles wird so sicher und gut wie möglich präsentiert. Auch wenn das so seine zwei Seiten hat und ich viel über den Tourismus dort nachgedacht habe und was Tourismus generell so für Vor- und Nachteile mit sich bringt, muss ich sagen, dass ich durch die Safari nie die Möglichkeit erhalten hätte der Naturwelt des Landes so nah sein zu können. Ich habe die „Big Five“ gesehen und atemberaubende Tierszenen in Mitten der tanzeanischen Nationalparks. Klar ist dabei die Frage: Muss man das? Ich habe mir während meiner Zeit dort insgesamt viele Fragen gestellt, für die ich nur zum Teil Antworten gefunden habe, ebenso habe ich gelernt das zu akzeptieren. Die Welt ist ein Widerspruch in sich, bunt,wunderschön,hässlich, gewaltvoll, ungerecht, laut und leise…

Meine Zeit in Tansania hat mich zum Nachdenken gebracht. Auch wenn der Artikel einen tiefgründigeren Ton hat, ich möchte meine Zeit dort nicht missen. Ich danke allen Menschen, die mir diese Reise ermöglicht haben und die mich dabei begleitet haben. Ein herzlicher Dank geht auch an die Kinder und Menschen im Dorf, die mir jeden Tag ein Lächeln und eine herzliche Umarmung geschenkt haben!Asante Sana!

www.asantewatoto.wordpress.com

–> Hier erfährst du mehr über Asante Watoto und deren Philosophie. Es wurde dieses Jahr ein Verein in Deutschland gegründet, der aus ehrenamtlichen HelferInnen besteht. Alles ist noch ganz frisch und im Aufbau. Jede Art der Unterstützung wird dankend angenommen. Falls du dazu weitere Fragen hast, kannst du dich gerne bei mir melden:)

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